Headline: Ziele und Methoden der Deliberation

Dynamic Facilitation.
Dynamic Facilitation. Simon Brunel

Stellen Sie sich drei Gruppen vor, die über dieselbe Frage beraten. Alle drei Gruppen wurden auf die gleiche Weise rekrutiert, sie beraten sich am selben Ort und haben für ihre Zusammenarbeit die gleichen Materialien zur Verfügung. Spielt es tatsächlich eine Rolle, wie die Moderation dieser deliberativen Prozesse durchgeführt wird? In unserem Paper versuchen wir zu erklären, warum es darauf ankommt und wie sich unterschiedliche Moderationsstile auf die Deliberation und ihre Ergebnisse auswirken.

Unser Ausgangspunkt für diese explorative Studie war, dass die Ziele von deliberativen Formaten sehr unterschiedlich sind: Während einige einen Konsens anstreben, wollen andere das gegenseitige Verständnis im Namen des sozialen Zusammenhalts fördern, während andere darauf abzielen, Probleme zu klären oder zu definieren, und wieder andere kollektive Lösungen zu entwickeln Empfehlungen formulieren oder die Vielfalt bestehender Positionen aufzeigen wollen. Bislang gibt es keine Klarheit darüber, welche Moderationsmethoden für welche Zwecke am besten geeignet sind. Dies ist problematisch in Anbetracht der großen Vielfalt der Moderationsmethoden, die für Deliberationszwecke eingesetzt werden: denn eindeutig haben verschiedene Moderationsmethoden unterschiedliche Stärken und Schwächen.

In deliberativen Beteiligungsprozessen zu einer bestimmten Frage muss nicht nur entschieden werden, wer daran teilnehmen soll, sondern auch klar geplant sein, was die Teilnehmer tun werden, sobald die gemeinsame Beratschlagungsarbeit beginnt. Wenn wir z. B. eine Deliberation einberufen wollen, die auf einen Konsens abzielt, welchen Moderationsansatz wählen wir dann und wie müssen wir die verschiedenen Moderationsschritte zu einem kohärenten Prozessdesign arrangieren? Wie stellen wir sicher, dass die Stimme eines jeden Teilnehmenden gehört wird? Ist dies notwendig? Reicht es aus, wenn jeder Teilnehmende die Möglichkeit hat, zu sprechen? Oder müssen wir Elemente in den Prozess einbauen, die Beiträge nicht nur zulassen, sondern auch fördern oder sogar verlangen? Und wie können wir sicherstellen, dass die Beiträge von den anderen Teilnehmern auch tatsächlich verstanden werden?

Oberflächlich betrachtet ist es einfach zu sagen: „Natürlich muss jedes deliberative Format passgenau moderiert sein”. Aber bisher gibt es keine Standards dafür, was “passgenaue Moderation” bedeutet. Deliberative Bürgerbeteiligung ist derzeit sehr gefragt, weshalb immer mehr Auftraggeber Moderationsleistungen im Sinne einer „Prozessbegleitung“ benötigen. Im Gegenzug bieten mehr und mehr Akteure diese Leistungen an. Einige dieser Dienstleistungen sind von hoher Qualität, andere nicht. Und einige sind großartig, allerdings nicht für den jeweiligen Zweck geeignet.

Denn jeder Dienstleistende kann letztlich nur das anbieten, was er/sie kennt. Dabei wird meistens auf den eigenen Erfahrungsschatz zurückgegriffen und oft kommt das zur Anwendung, was in der Vergangenheit bereits einmal gut funktioniert hat, auch wenn sich die Art und der Zweck eines aktuellen Auftrags mitunter völlig von früheren Projekten unterscheiden. Wenn ich als Moderator in zwei verschiedenen Methoden geschult bin, kann es sein, dass ich glaube – und auch andere davon überzeugen will – dass jeder Deliberationszweck mit einer dieser beiden Methoden gut behandelt werden kann. Vielleicht jedenfalls, bis ich eine Ausbildung in einer dritten Methode erhalte…

Mit anderen Worten: Die Moderation in deliberativen Prozessen ist eine Blackbox. Dennoch ist sie ein entscheidender Faktor für ihren Erfolg. Wir müssen also mehr darüber wissen, wie sich Unterschiede in der Moderation auf die Deliberation und die Deliberierenden auswirken.

Die Moderation in deliberativen Prozessen ist eine Blackbox. Dennoch ist sie ein entscheidender Faktor für ihren Erfolg.

Moderation ist wichtig, weil erst sie es ermöglicht, die Ziele und Erwartungen, die wir an deliberative Prozesse stellen, zu erreichen. Wenn wir beschlossen haben, dass eine Deliberation hilfreich ist, um beispielsweise Empfehlungen für ein Parlament zu formulieren, und wir die Frage identifiziert haben, zu der Empfehlungen erarbeitet werden sollen, wird es wahrscheinlich einen Unterschied machen, ob wir eine Psychologin bitten, die Deliberation zu moderieren, oder eine Soziologin. Es ist plausibel anzunehmen, dass dieselbe Gruppe mit der Psychologin andere Empfehlungen entwickeln würde als mit der Soziologin. Die Auswirkungen könnten sogar so weit gehen, dass die Teilnehmer völlig unterschiedliche Eindrücke von dem Prozess gewinnen und beispielsweise die Legitimität des Prozesses im Nachhinein entweder kritisieren oder unterstützen.

Darüber hinaus ist es auch nicht auszuschließen, dass Moderierende einen Prozess bewusst oder unbewusst manipulieren. Selbst wenn die Gruppe von vorneherein eine hohe Diversität aufweist und zugleich innerhalb der Deliberation jeder die Möglichkeit hat, einen Beitrag zu leisten (hohe „interne Inklusivität“), gibt es keinen Automatismus, der sicherstellt, dass im Verlauf nicht doch nur ein Teil der Teilnehmenden tatsächlich einen Beitrag leistet.

Es ist die Aufgabe der Moderierenden, deliberative Prozesse so zu planen und zu strukturieren, dass die Interaktion möglichst inklusiv erfolgen kann und am besten dazu beiträgt, die vorab gesteckten Ziele der Deliberation zu erreichen. In unserem Forschungsartikel, der Anfang dieses Jahres veröffentlicht wurde, haben wir drei verschiedene Moderationsmethoden konzipiert bzw. ausgewählt, die wir in deliberativen Prozessen zur selben Fragestellung zum Einsatz gebracht haben. Im Vergleich dieser drei Moderationskonzepte und -praktiken, der so möglich wurde, haben wir festgestellt, dass die Moderation tatsächlich einen Unterschied macht. Die erste Methode, die Dynamic Facilitation, war besser geeignet, die Einbeziehung der Teilnehmenden zu gewährleisten, als die beiden anderen, und auch die unterschiedlichen Positionen wurden besser herausgearbeitet. Eine zweite Teilnehmergruppe, wurde mit einem mixed methods Ansatz moderiert. Die Teilnehmenden dieser Gruppe gaben in der begleitenden Teilnehmerumfrage an, dass sie mit dem Prozess zufriedener waren als die erste Gruppe und sich mit größerer Wahrscheinlichkeit auch über das deliberative Format hinaus engagieren würden. Die dritte, selbstorganisierte Gruppe erhielt Anweisungen vor dem Start der gemeinsamen Arbeit an der Fragestellung, die sie aber ohne eine externe Moderation leistete. Von den drei Gruppen war diese Gruppe mit ihrem Ergebnis am wenigsten zufrieden, produzierte aber die größte Menge an Output.

Beim Blick auf die Sprechakte der Teilnehmenden, wies die selbstorganisierte Gruppe die meisten Unterbrechungen der Teilnehmenden untereinander auf. Allerdings unterbrachen sich die Teilnehmer der Gruppe mit der Mixed-Methods Moderation fast ebenso häufig gegenseitig, während Unterbrechungen in der Gruppe mit dynamic facilitation sehr selten waren. Es überrascht vielleicht nicht, dass die selbstorganisierte Gruppe angab, dass es für sie am einfachsten war, Ideen in die Deliberation einzubringen, während die Gruppe mit der dynamic facilitation am schlechtesten abschnitt – obwohl die Unterschiede hier insgesamt gering waren.

Als wir die Beteiligten fragten, wie groß die Varianz der Perspektiven innerhalb der Gruppe war, berichtete die Dynamic Facilitation-Gruppe von einer viel größeren Varianz der Perspektiven als die beiden anderen Gruppen. Waren sie sich dieser Varianz nur bewusst geworden, weil sie einander zuhörten – anstatt sich gegenseitig zu unterbrechen? Eine Interpretation ist, dass Dynamic Facilitation zwar besser geeignet ist, Probleme und Prioritäten zu identifizieren, dass aber der Mixed-methods Ansatz eher als Grundlage für gemeinsames Handeln dienen kann, und dass selbstorganisierte Beratungen durchaus konstruktiv sein können, wenn eine Moderation z. B. zu kostspielig ist.

Die Organisatoren von deliberativen Prozessen müssen sich darüber im Klaren sein, dass die Abstimmung der Moderationsmethoden auf die Ziele eines Deliberationsprozesses entscheidend ist. Dafür brauchen sie “Prozess-Kompetenz”.

Ist es nun wichtiger, unterschiedliche Positionen klar zu benennen, bürgerschaftliches Engagement zu fördern oder mit dem Ergebnis der Beratungen zufrieden zu sein? Das hängt natürlich vom jeweiligen Zweck des gesamten Beteiligungsvorhabens ab. Und damit sind wir wieder am Anfang: Es gibt eine Vielzahl von Moderationsmethoden, und alle haben unterschiedliche Stärken (und Schwächen). Erfolgreiche Beteiligungsprozesse kennen diese und stimmen die Moderationsmethoden gekonnt auf die Ziele des Gesamtprozesses ab.

Das ist leichter gesagt als getan. Denn das geschieht nicht von allein. Die Auftraggebenden und Organisatoren deliberativer Prozessen müssen sich bewusst sein, dass die Abstimmung der Moderationsmethoden auf die Ziele des Prozesses ein entscheidender Schritt ist. Dafür brauchen sie selbst „Prozesskompetenz“, die gefördert werden muss, um diesen Schritt sicher zu gehen.

Möchten Sie mehr erfahren? Lesen Sie den vollständigen Artikel im Journal of Deliberative Democracy.

Dieser Artikel erschien zuerst im Deliberative Democracy Digest.

Plakat Demokratie

Die Ergebnisse des Projektes graphisch dargestellt. (c) RIFS/Sabine Zentek

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